I.Der Fund
Kapitel 1 — Dienstag, 14. Oktober 1952, früh
Der Nebel lag so tief, dass man die Fichten über sich nur erahnen konnte. Matthias Greipl, Rückerseisl, wie sie ihn nannten, weil er seit dreißig Jahren die schwersten Stämme auf dem Rücken bergab trug, hörte die anderen vier hinter sich den Hang hochkeuchen, ohne sie zu sehen. Das Holz knackte unter ihren Stiefeln. Oktober. Der Boden noch nicht gefroren, aber auf dem Weg dorthin.
»Greipl, wart amal.«
Das war der Schorsch Bruckmaier, zwanzig Jahre, der Jüngste von ihnen, Sohn eines Zimmermanns aus Frauenau, erst seit dem Sommer dabei. Die anderen nannten ihn Stecken, weil er so dünn war, dass man ihn für einen vergessenen Zaunpfahl halten konnte.
»Was?«
»Da liegt was.«
Greipl drehte sich nicht um. Er kannte die Technik: Der Stecken wollte Pause machen, erfand dafür einen Vorwand. Letztes Mal war es ein Hirsch gewesen, den niemand außer ihm gesehen hatte.
»Da liegt was«, wiederholte Bruckmaier, und diesmal klang es anders.
Greipl drehte sich um.
Fünfzehn Meter vom Weg entfernt, halb unter einem umgestürzten Buchenstamm, lag ein Mann. Er lag auf dem Bauch, den rechten Arm ausgestreckt, als hätte er noch nach etwas greifen wollen, das nicht da war. Er trug einen dunklen Mantel, der zu dünn war für den Oktober. Seine Schuhe — Greipl sah es sofort, weil er immer die Schuhe sah, das erste Zeichen dafür, wo einer herkam — seine Schuhe waren keine Waldschuhe. Keine Stiefel. Halbschuhe, Ledersohle, gut gearbeitet, jetzt durchnässt und aufgequollen.
»Rühr ihn nicht an«, sagte Greipl.
Die anderen standen jetzt alle dabei: der alte Wastl Hiebl, fünfzig, Holzfäller seit er denken konnte; der Sepp Lindner, Mitte dreißig, der ein Auge verloren hatte und deswegen schief schaute; und der Franzl Raab, der nie redete, aber alles sah.
Franzl Raab bückte sich, hielt seinen Zeigefinger an den Hals des Mannes, wartete. Dann richtete er sich auf und schüttelte den Kopf.
»Schon lang«, sagte er. Das waren seine einzigen Worte des Tages.
Der tote Mann hatte keine Papiere. Das stellten sie fest, nachdem Greipl den Mantel vorsichtig umgeklappt hatte, um in die Taschen zu sehen. Keine Brieftasche. Keinen Ausweis. Kein Geld. Nur ein zusammengefaltetes Stück Papier in der Innentasche, das vom Regen aufgeweicht war und an dem Finger klebte wie nasses Mehl.
Greipl faltete es auseinander. Die Tinte war verlaufen. Fast unleserlich. Aber in der oberen rechten Ecke, mit einer anderen, festeren Tinte geschrieben, stand noch etwas:
Železná Ruda.
Eisenstein. Der Böhme.
»Den kenn ich nicht«, sagte Wastl Hiebl, der die halbe Gegend kannte.
»Ich auch nicht«, sagte der Sepp Lindner.
Bruckmaier sagte nichts. Er war blass geworden und schaute in eine andere Richtung.
»Wir müssen runter zum Ortl«, sagte Greipl. »Zur Gendarmerie.«
Sie ließen den Mann liegen, wo er lag. Das war Vorschrift, hatte Greipl mal gehört. Man lässt alles, wie man es findet. Er deckte den Körper mit seinem eigenen Mantel zu, obwohl er wusste, dass das keinen Unterschied mehr machte. Es schien ihm trotzdem das Richtige.
Kapitel 2 — Bayerisch Eisenstein, Dienstagnachmittag
Bayerisch Eisenstein war ein Ort, der nicht wusste, ob er ein Ende hatte. Die Grenze verlief mitten durch den Bahnhof — auf einer Seite Deutschland, auf der anderen die Tschechoslowakei, und der Zug, der früher einfach durchgefahren war, hielt jetzt zweimal: einmal vor dem Eisernen Vorhang, einmal dahinter. Die Gleise waren dieselben. Die Welt dahinter war eine andere geworden.
Gendarmerie-Hauptwachtmeister Josef Brem war achtundvierzig Jahre alt, seit 1946 in Bayerisch Eisenstein und hatte in dieser Zeit drei Wilderer erwischt, zwei Schlägereien aufgelöst und einmal einem Sudetendeutschen geholfen, eine Kuh aus dem Graben zu ziehen. Das war der Umfang seiner kriminalpolizeilichen Erfahrung.
Er war kein schlechter Mann. Er war ein müder Mann. Der Krieg hatte ihn erschöpft — er war bei der Infanterie gewesen, hatte Stalingrad überlebt, was er selbst nicht für ein Verdienst hielt, sondern für einen Zufall —, und seitdem reichten ihm die kleinen Dinge. Der Morgen. Der Kaffee. Der Blick aus dem Amtsfenster auf die Fichten, die immer da waren, egal was sonst geschah.
Jetzt saß Matthias Greipl gegenüber, und Brem hatte ein schlechtes Gefühl.
»Eisenstein«, sagte Brem langsam.
»Das stand auf dem Papier. Železná Ruda.«
Brem lehnte sich zurück. Eisenstein. Drüben. Zehn Minuten zu Fuß, aber hinter dem Stacheldraht, hinter den Wachposten, hinter einer Grenze, die seit 1948 so dicht war, dass selbst die Vögel — das sagte man im Ort — zweimal nachdachten, bevor sie hinüberfliegen.
»Wann haben Sie ihn gefunden?«
»Gegen halb sechs früh. Oben am Rachelsteig, wo der alte Weg nach Norden abbiegt.«
»Allein?«
»Mit vier anderen. Holzfäller.«
Brem notierte. »Haben Sie etwas angefasst?«
Eine kurze Pause. »Ich hab in die Manteltasche geschaut. Das Papier.«
»Wo ist das Papier jetzt?«
Greipl legte es auf den Tisch. Brem betrachtete es. Das Wasser hatte die Tinte zur Unkenntlichkeit zerfurcht, aber der Name oben rechts hielt sich, als hätte jemand ihn mit Absicht tiefer eingegraben als den Rest.
Brem hob den Telefonhörer. Er musste den Landrichter anrufen. Das war die Vorschrift. Und den Arzt. Und wahrscheinlich auch die Kriminalpolizei in Regen — die würden das nicht mögen, die hatten genug zu tun, und ein Toter ohne Papiere im Wald war unbequem.
Bevor er wählte, fragte er noch: »Wie hat er ausgesehen? Der Mann.«
Greipl überlegte. »Fünfzig, vielleicht. Grau. Gut ernährt früher, jetzt nicht mehr. Er hat keine Waldarbeitshände gehabt.«
»Was dann?«
»Büroarbeiterhände. Aber mit Schwielen. Alte Schwielen. Als ob er früher mal was anderes gemacht hätte.«
Kapitel 3 — Die Glasstrasse, eine Stunde später
Dr. Anton Wimmer, Landarzt, fuhr in seinem DKW über die Glasstrasse Richtung Rachelsteig und fluchte leise auf die Schlaglöcher. Die Glasstrasse war nicht das, was ihr Name versprach — kein glänzender Weg, sondern eine Landstraße, die sich durch den Wald wand und deren Belag aus der Zeit vor dem Krieg stammte. Rechts und links: Fichten, Fichten, Fichten. Dazwischen gelegentlich ein Schild, das auf eine Glashütte hinwies. Frauenau. Zwiesel. Grafenau. Die Orte, wo seit Jahrhunderten Glas geblasen wurde, wo die Männer jeden Morgen in die Hitze der Öfen gingen und jeden Abend wieder heraus, rußgeschwärzt und mit roten Augen.
Wimmer kannte die Gegend wie seine Handinnenfläche. Er war selbst aus Zwiesel, hatte in München studiert und war zurückgekehrt, weil er dachte, er werde gebraucht. Das stimmte. Der nächste Arzt war zwanzig Kilometer entfernt. Seine Patienten zahlten oft in Naturalien: Holz, Kartoffeln, einmal ein lebendiger Hahn, den er nicht hatte schlachten können und der seitdem im Hof herumging.
Er fand die Stelle, weil Greipl am Wegrand stand und wartete.
Der Tote lag noch, wie man ihn zurückgelassen hatte, unter Greipls Mantel. Wimmer hob ihn an, kniete nieder, untersuchte schweigend.
»Wie lange schon?« fragte Brem, der auch da war.
»Zweiundzwanzig, vierundzwanzig Stunden. Ungefähr.« Wimmer richtete sich auf und klopfte die Knie ab, obwohl der Boden ihn kaum schmutzig gemacht hatte. »Er ist nicht hier gestorben.«
»Wie meinen Sie das?«
»Die Erde unter ihm ist trockener als der Boden drumherum. Er wurde hierher getragen, nachdem er schon tot war.« Wimmer zeigte auf den Schädel des Mannes, dort, wo das graue Haar an der Schläfe klebte. »Schlag von hinten. Stumpfe Gewalt. Kein Stein, kein Holz — etwas Schwereres. Eisenstange, vielleicht. Oder Werkzeug.«
Brem kniete nieder und betrachtete den Toten. Fünfzig Jahre, schätzte er, vielleicht etwas mehr. Das Gesicht ausgemergelt, aber nicht aus Hunger — aus etwas anderem. Sorge. Angst. Beides hatten die Menschen hier nach dem Krieg genug davon gehabt, und die Sudetendeutschen, die aus Böhmen vertrieben worden waren, hatten es mitgebracht wie Gepäck, das man nicht loswurde.
»Sudetendeutscher?« fragte Brem.
»Weiß ich nicht«, sagte Wimmer. »Aber ich weiß, wer vielleicht weiß.«
Kapitel 4 — Pfarrer Engelbert Roiderer, Mittwoch früh
Pfarrer Engelbert Roiderer las jeden Morgen um sechs Uhr sein Brevier am Küchentisch, mit einer Tasse Malzkaffee rechts davon, die er so langsam trank, dass sie immer kalt war, wenn er sie leerte. Er war zweiundsechzig, Pfarrer in Bayerisch Eisenstein seit 1939, hatte die Kriegsjahre erlebt, die Vertreibung der Böhmen, die Flüchtlingsströme, die neue Grenze. Er kannte fast jeden in der Gemeinde beim Namen — und fast jeden, der neu dazugekommen war, weil er ihnen früher oder später auf dem Weg zum Beichtstuhl begegnete.
Brem klopfte um halb sieben.
»Kommen Sie rein, Brem.«
Der Hauptwachtmeister setzte sich, ohne gefragt zu werden. Sie kannten sich gut genug für das.
»Wir haben einen Toten.«
Roiderer schloss sein Brevier. »Ich habe gehört.«
In einem Ort dieser Größe hörte man alles, bevor die Post da war.
»Er hat keine Papiere. Wahrscheinlich drüben.« Brem legte das durchnässte Papierstück auf den Tisch. »Železná Ruda. Kennen Sie jemanden, der auf den Pfarreien drüben noch Kontakt hat? Jemand, der fragen könnte?«
Roiderer betrachtete das Papier lange. Dann sagte er: »Es gibt noch den Pater Václav in Modrava. Wir haben bis 1948 korrespondiert. Seitdem nichts mehr.« Er machte eine Pause. »Das ist nicht ungefährlich, Brem. Was da drüben seit Gottfried weiß nicht wann passiert — man weiß es nicht genau, aber man ahnt es.«
»Ich weiß.«
»Den Toten« — Roiderer sah zur Seite, zum Fenster, wo die Fichten anfingen, im Morgengrauen Kontur anzunehmen — »wenn er aus Železná Ruda kommt, war er vielleicht ein Flüchtling. Jemand, der über die Grenze wollte. Es gibt Menschen, die helfen dabei. Und es gibt Menschen, die das verhindern wollen.«
»Beide Seiten?«
»Manchmal. Ja.«
Roiderer stand auf, nahm seinen Mantel vom Haken. »Ich kenne einen Mann in Zwiesel. Sudetendeutscher, 1946 raus. Er hat noch Verwandte drüben gehabt — vielleicht hat er noch Kontakt, vielleicht weiß er etwas. Er heißt Wenzel Horak. Macht jetzt Holzschnitzerei auf dem Markt.«
II.Die Glasstrasse und ihre Geheimnisse
Kapitel 5 — Zwiesel, Mittwoch
Zwiesel war die Stadt der Glasmacher, und Glasmacher waren eine eigene Spezies: Sie arbeiteten in Hitze, in der anderen eine Ohnmacht bekommen hätten, und sie bliesen durch dünne Röhre Luft in geschmolzene Masse, bis daraus etwas Zerbrechliches und Schönes entstand. Es gab Familien in Zwiesel, die das seit dem sechzehnten Jahrhundert taten. Ihr Wissen saß in den Lungen, in den Händen, in den Augen, die den richtigen Moment erkannten, wenn das Glas noch formbar war und noch nicht zu spröde.
Wenzel Horak war kein Glasmacher. Er schnitzte. Holzmadonnen, Kruzifixe, gelegentlich ein Hirschgeweih für eine Wirtsstube. Er hatte einen kleinen Stand am Markt und eine kleine Werkstatt dahinter, wo es nach frischem Holz roch und nach Leim.
Er war Ende vierzig, mit dem breiten Gesicht und den tiefliegenden Augen eines Mannes, der früh viel verloren hatte. Als Brem und Roiderer hereinkamen, legte er sein Schnitzmesser hin, ohne zu fragen, was sie wollten.
»Ich hab's schon gehört«, sagte er auf Bayerisch, mit einem leichten Akzent, der nie ganz weggegangen war. »Von wem genau?«
»Das wissen wir nicht«, sagte Brem.
»Beschreiben Sie ihn.«
Brem beschrieb. Horak hörte zu, die Hände gefaltet, die Augen auf einen Punkt an der Werkstattwand gerichtet. Als Brem fertig war, saß er eine Weile still.
»Es könnte« — er machte eine lange Pause — »es könnte der Novak sein.«
»Wer ist Novak?«
»Franz Novak. Er war Lehrer in Srní. Das ist ein Dorf im Šumava, zwischen Modrava und Kvilda oben. Als die Deutschen rausgeschmissen wurden — Novak war Halbbayer, seine Mutter aus Frauenau, sein Vater Böhme —, durfte er bleiben. Oder musste bleiben, je nachdem wie man es sieht.« Horak stand auf und ging zum Fenster. »Er hat nach der Machtübernahme 48 Ärger gekriegt. Mit den Kommunisten. Er hat in der Schule das Kreuz hängen lassen.«
»Und?«
»Und die haben das nicht gemocht. Er hat mir noch 1951 einen Brief geschrieben, über Umwege. Er sagte, er wolle rüber. Er habe Informationen, die jemanden auf der anderen Seite interessieren könnten.«
Die Stille in der Werkstatt war kompakt. Brem hörte, wie draußen auf der Straße ein Fahrrad vorbeifuhr.
»Was für Informationen?«
Horak drehte sich um. »Das hat er nicht geschrieben. Aber er hat den Namen eines Ortes erwähnt. Kvilda. Und dass dort seit dem Sommer etwas passiere, was man drüben wissen sollte.«
Kapitel 6 — Landrichter Dr. Hermann Seitz, Mittwoch Nachmittag
Das Amtsgericht in Regen war ein nüchternes Gebäude, das seinen Stil zwischen preußischem Beamtenernst und bayerischer Gemütlichkeit nicht entschieden hatte und dabei auf beide verzichtet hatte. Landrichter Dr. Hermann Seitz, fünfundfünfzig, saß hinter einem Schreibtisch, der unter Aktenbergen begraben war, und las Brems Bericht.
Seitz war kein Mann, der schnell urteilte — das war sein Ruf, und er selbst hielt ihn für seinen Vorzug. Er hatte die Nazizeit als Assessor in München überlebt, ohne in die Partei einzutreten, was eine kleine Kunst gewesen war. Er hatte Schreibfehler in Formularen und Terminprobleme als Entschuldigungen kultiviert, bis der Krieg vorbei war. Danach hatte er in Regen angefangen, in einer Gegend, die ihn in Ruhe ließ und die er in Ruhe ließ.
»Železná Ruda«, sagte er, als wäre der Ortsname ein fremdartig schmeckender Wein. »Das ist eine heikle Sache, Brem.«
»Ich weiß.«
»Wenn der Mann aus der Tschechoslowakei kommt — wenn er illegal die Grenze überschritten hat — dann sind das Bundesgrenzschutz, das ist Verfassungsschutz, das ist vielleicht sogar Amerikaner.« Seitz faltete die Hände. »Das ist nicht mehr mein Gericht.«
»Vorläufig ist es das schon. Bis jemand anderes zuständig ist.«
Seitz sah ihn an. »Was wollen Sie von mir, Brem?«
»Ich will, dass Sie die Obduktion anordnen. Und ich will, dass das still bleibt. Wenn der Mann wirklich Novak ist, und wenn er Informationen hatte, dann weiß jemand, dass er verschwunden ist. Und dieser jemand — ob drüben oder herüben — wird wissen wollen, was wir wissen.«
»Sie denken, es gibt eine weitere Seite.«
»Ich denke, in dieser Gegend gibt es immer eine weitere Seite. Das ist Grenzland. Das ist schon seit Jahrhunderten Grenzland.«
Seitz öffnete eine Schublade, zog einen Stempel heraus. »Die Obduktion ordne ich an. Den Rest — Brem, seien Sie vorsichtig. Die Glasstrasse ist lang, und zwischen Grafenau und Eisenstein kann man einen Menschen verschwinden lassen, ohne dass er je wiedergefunden wird.«
Er stempelte das Formular. »Wann haben Sie den Fundort zuletzt gesehen?«
»Gestern.«
»Gehen Sie noch einmal hin. Heute noch. Suchen Sie nach etwas, das der Mann verloren haben könnte. Oder hinterlassen.«
Kapitel 7 — Am Rachelsteig, Mittwoch Abend
Der Weg zurück zum Fundort war anders ohne Nebel. Die Fichten standen hoch und dunkel, aber das Licht, das noch da war, machte sie weniger bedrohlich. Brem ging allein. Er hatte Greipl gebeten, den genauen Ort zu beschreiben, und Greipl hatte es so gut getan, dass Brem ihn ohne Schwierigkeiten fand.
Er suchte eine Stunde. Er fand zuerst nichts außer feuchtem Laub, Moos und einem toten Eichhörnchen, das ihm leid tat.
Dann fand er die Spur.
Dreißig Meter bergauf vom Fundort, zwischen zwei Fichten, gab es eine Stelle, wo der Boden aufgewühlt war. Nicht von Tieren — die Abdrücke waren zu regelmäßig, zu menschlich. Jemand hatte hier gekniet oder gestanden. Und jemand hatte etwas vergraben.
Brem hatte einen kleinen Spaten mitgenommen — er hatte nicht gewusst, warum, es war ein Impuls gewesen. Jetzt grub er.
Zwanzig Zentimeter tief stieß er auf ein Bündel. In Wachstuch eingewickelt, das Tuch mit einem Draht zusammengebunden. Er öffnete es mit den Handschuhen an.
Darin: neun engbeschriebene Seiten in Tschechisch. Eine Karte der Gegend um Kvilda und Modrava, handgezeichnet, mit Markierungen. Und ein kleines Foto, das drei Männer zeigte, die vor einem Gebäude standen, das Brem nicht kannte. Auf der Rückseite stand mit Bleistift, kaum lesbar:
Srní, Juli 1952.
Er stand auf, das Bündel in den Händen, und hörte, dass irgend jemand unten auf dem Weg war.
Er trat zwischen die Fichten und wartete.
III.Was die Glasstrasse trägt
Kapitel 8 — Der Mann auf dem Weg
Es war kein Feind. Es war der Franzl Raab — der Waldarbeiter, der nie redete.
Er stand auf dem Weg und schaute zu Brem hinauf, ohne Überraschung, als hätte er gewusst, dass er hier war.
»Was wollen Sie?« fragte Brem.
Raab stieg den Hang herauf, langsam. Er war Ende vierzig, breit, mit einem Gesicht, das von Wetter und Schweigen gleichmäßig bearbeitet worden war.
»Ich kenn den Mann«, sagte Raab.
Das war mehr, als er in drei Tagen gesagt hatte.
»Seit wann?«
»Seit dem Krieg. Wir waren zusammen in Mähren. Er war Feldwebel, ich war Gefreiter.« Raab setzte sich auf den umgefallenen Baumstamm, von dem aus man den Fundort sehen konnte. »Er hieß damals noch anders. Oder er hat mir einen anderen Namen gesagt. Novak — das könnte stimmen. Halbbayer. Hat Bairisch gesprochen, wenn er betrunken war.«
»Warum haben Sie nichts gesagt?«
»Weil ich zuerst nachdenken wollte.«
Brem setzte sich neben ihn. Der Wald um sie herum war jetzt fast dunkel.
»Er hat mir vor zwei Wochen einen Brief geschickt«, sagte Raab. »Ich hab keine Adresse oben gehabt, er hat an Greipl geschrieben, der hat's mir weitergegeben. Er schrieb, er brauche Hilfe. Dass er rüber wolle. Ich solle am zehnten Oktober am alten Grenzweg warten, abends.«
»Und?«
»Ich war da. Er kam nicht. Am nächsten Tag waren wir im Wald, und da lag er.«
Brem ließ das eine Weile sitzen.
»Haben Sie jemand anderem erzählt, dass er kommen wollte?«
Raab sah ihn an. »Niemand.«
»Greipl?«
»Nein. Dem hab ich nur gesagt, der Brief ist für mich, und er soll ihn vergessen.«
»Hat er ihn vergessen?«
Raab schwieg. Das war keine Antwort, aber auch keine.
Kapitel 9 — Der Glasmacher-Meister, Donnerstag
Georg Steinberger war der älteste aktive Glasmeister in Frauenau, siebzig Jahre, mit Händen wie Baumwurzeln und Augen, die Glas in einer Helligkeit sahen, die anderen verborgen blieb. Er saß auf einer Bank vor seiner Glashütte, in der Mittagspause, und aß Brot mit Schmalz, als Brem ankam.
Brem hatte einen Umweg gemacht. Er hatte das Bündel aus dem Wald zu Seitz gebracht, und Seitz hatte einen Dolmetscher angerufen, der die tschechischen Seiten übersetzen sollte. Aber auf der handgezeichneten Karte war ein Symbol gewesen, das Brem kannte: das Zeichen einer Glashütte. Und zwischen Kvilda und Modrava gab es eine, die auf keiner offiziellen Karte mehr stand.
»Kennen Sie die Glashütte Modrava?« fragte er.
»Welche?«
»Die alte. Nicht die jetzige.«
»Die alte Modrava-Hütte.« Steinberger trank aus einer Flasche Wasser. »Die hab ich noch als junger Mann gesehen. Mein Vater hat dort gearbeitet, bevor er rüber nach Frauenau kam. Die hat nach dem Ersten Weltkrieg zugemacht. Zu weit ab, zu teuer. Warum?«
»Ist da jetzt noch etwas?«
»Woher soll ich das wissen? Ich komm nicht mehr rüber.«
»Ihr Vater hatte Kontakt. Familien, die geblieben sind.«
»Mein Vater ist 1947 gestorben.«
»Ich meine andere. Sudetendeutsche, die noch Verbindungen haben.«
Steinberger legte das Brot hin. »Was suchen Sie wirklich?«
Brem zeigte ihm das Foto: die drei Männer vor dem unbekannten Gebäude. Steinberger hielt es in die Sonne, blinzelte.
»Das zweite Gesicht von links«, sagte er schließlich. »Das ist mein Großneffe. Er ist nach Kvilda eingeheiratet. Er ist nie rausgekommen.«
Er gab das Foto zurück. »Das Gebäude hinter ihnen ist das Schulhaus von Srní. Ich kenn es von Bildern meines Vaters.« Er machte eine kurze Pause. »Der Mann ganz rechts — der hat eine Armbinde. Eine Partei-Armbinde.«
»Er ist Kommunist?«
»War. Oder ist. Oder hat so getan, als ob.«
Kapitel 10 — Pfarrer Roiderer, nochmals
Es war Donnerstagabend, als Roiderer die Tür aufmachte und den Brem und den Horak und den Raab alle drei auf seiner Schwelle stehen sah. Er sagte nichts, trat nur zurück und ließ sie herein.
Sie saßen in der Küche. Roiderer machte echten Kaffee, was er normalerweise für Beerdigungen aufhob. Das schien angemessen.
Horak übersetzte die tschechischen Seiten, die der Dolmetscher von Seitz noch nicht fertig hatte. Es dauerte eine Stunde. Was er vorlas, war kein persönlicher Brief, keine Tagebuchnotiz. Es war ein Bericht. Systematisch, mit Daten und Ortsangaben, geschrieben in einer Handschrift, die die Schule eines Mannes verriet, der gewohnt war, Schüler zu korrigieren.
Franz Novak, Lehrer in Srní, hatte seit 1950 beobachtet, was an der alten Glasstraße auf böhmischer Seite passierte. Das Gebäude in Modrava — die alte Glashütte — war reaktiviert worden. Nicht für Glas. Es gab Transporte, nachts. Männer, die er nicht kannte. Einer mit einer Armbinde, der befahl. Zwei ohne Armbinde, die gehorchten.
Was transportiert wurde, wusste er nicht genau. Aber er hatte gesehen, dass die Männer die alten Glasstraßen nutzten — die Wege, die seit dem sechzehnten Jahrhundert für den Transport von Glas gebaut worden waren, die sich wie ein Netz durch den Böhmischen Wald zogen und auf der deutschen Seite in Frauenau, Zwiesel und Grafenau endeten.
»Er dachte, dass etwas über die Grenze geschmuggelt wird«, sagte Horak. »Aus der Tschechoslowakei raus.«
»Was?« fragte Brem.
»Das wusste er nicht. Aber er schrieb: Es seien schwere Kisten. Und die Männer, die sie trugen, seien keine Einheimischen.«
Roiderer trank seinen Kaffee. »Franz Novak wollte das jemandem mitteilen. Dafür ist er gestorben.«
»Er hat es uns mitgeteilt«, sagte Raab. »Posthum.«
Es war der längste Satz, den Brem ihn je hatte sagen hören.
IV.Was unter der Erde liegt
Kapitel 11 — Der Glasweg, Freitag
Die alte Glasstraße auf bayerischer Seite war keine Straße mehr, seit sie eine geworden war. Früher, vor dem Asphalt, war sie ein Weg gewesen: die Trasse, auf der Fuhrwerke das Glas von den böhmischen Hütten nach Passau und von dort in die Welt transportiert hatten. Drei-, vierhundert Jahre lang. Die Fußspur dieser Frachten war noch zu sehen, wenn man wusste, wo man schauen musste: die alten Hohlwege, ausgefahren von Radspuren, jetzt überwachsen, aber erkennbar.
Brem und Raab gingen diesen Weg, von Bayerisch Eisenstein nordwärts, an der Grenze entlang, auf der Suche nach dem Punkt, an dem Novak die Grenze überschritten hatte.
Es dauerte nicht lang.
Dreihundert Meter vom Grenzstreifen entfernt, an einer Stelle, wo die Stacheldrahtzäune eine kurze Lücke hatten, die man von unten nicht sah, weil sie von einem umgestürzten Baumstamm verdeckt wurde, fanden sie Spuren. Fußabdrücke, mehrere, in beiden Richtungen. Ein Stück Stoff, das am Draht hing. Und, zwanzig Meter weiter auf deutschem Boden, eine flache Stelle, die vor Kurzem bewegt worden war.
»Hier ist er rübergekommen«, sagte Raab.
»Nicht allein«, sagte Brem.
Die Abdrücke zeigten zwei verschiedene Schuhgrößen. Einer hatte schweres Schuhwerk getragen — Stiefel, die tiefer eindrückten. Der andere: leichtere Sohlen. Novaks Halbschuhe.
»Er hatte Begleitung«, sagte Brem. »Jemand hat ihm geholfen, rüberzukommen. Und dann?«
Raab kniete nieder und betrachtete die Abdrücke. »Der mit den Stiefeln ist mit ihm gegangen. Bis zum Weg. Und dann« — er folgte den Spuren mit dem Blick — »ist er allein weitergegangen.«
»Weil Novak schon tot war.«
Raab nickte.
»Wer kennt diesen Grenzübergang?« fragte Brem.
Raab antwortete nicht sofort. »Jemand, der schon oft hier durch ist«, sagte er schließlich.
Kapitel 12 — Der Schmied, Freitag Nachmittag
In Bayerisch Eisenstein gab es eine Schmiede, die seit 1887 der Familie Kramml gehörte. Der aktuelle Kramml war Rupert, fünfunddreißig, ein schweigsamer Mann mit Brandnarben an den Unterarmen und einer Art, die Leute anzuschauen, als müsse er abschätzen, wie viel Hitze sie aushalten würden.
Brem hatte ihn schon früher im Verdacht gehabt — nicht für irgendetwas Konkretes, sondern weil Kramml immer Geld hatte, das aus keiner sichtbaren Quelle stammte. Die Schmiede lief, aber nicht so gut, dass man davon einen neuen Traktor kaufen konnte. Den Traktor hatte Kramml im Frühjahr gekauft.
Jetzt saß Brem Kramml gegenüber in der Schmiede, in der es nach Metall und Feuer roch, und legte das Foto auf den Amboss.
»Wer ist der Mann rechts?«
Kramml schaute das Foto an. Zu kurz. Dann schaute er weg.
»Kenn ich nicht.«
»Der mit der Armbinde.«
»Kenn ich nicht.«
Brem ließ das Foto liegen. »Kramml. Der Tote am Rachelsteig. Wir wissen jetzt, wer er war. Wir wissen auch ungefähr, wie er rübergekommen ist. Wir wissen, dass jemand auf dieser Seite ihm geholfen hat.« Er machte eine Pause. »Was wir noch nicht wissen, ist, wer ihn danach umgebracht hat.«
Kramml schaute zu den Kohlen im Feuer. Die Zange in seiner Hand zitterte leicht.
»Ich hab nichts damit zu tun.«
»Mit was nicht?«
Kramml schwieg.
»Kramml«, sagte Brem ruhig. »Der Mann ist tot. Was auch immer er wusste oder mitgebracht hat — die Leute drüben haben ihn deswegen umgebracht. Oder die Leute, die er hier getroffen hat. Ich bin nicht sicher, ob das eine oder das andere. Aber ich bin sicher, dass Sie wissen, welche der beiden Versionen stimmt.«
Kramml sah ihn an. In seinen Augen war etwas, das Brem als Abwägen erkannte: die Rechnung, ob es teurer war zu reden oder zu schweigen.
»Er hat mich angeschrieben«, sagte Kramml schließlich. »Vor drei Wochen. Er kannte meinen Vater noch, aus der Zeit vor dem Krieg. Er hat gefragt, ob ich ihm helfe. Rüberkommen.«
»Und?«
»Ich hab ihm geholfen. Ich kenn den Weg. Den kenn ich seit ich ein Kind bin, da haben wir als Buben Kirschen drüben geklaut, bevor die den Zaun gebaut haben.« Er legte die Zange hin. »Ich hab ihn reingebracht. Er hat einen Beutel mitgehabt — ich hab nicht gefragt, was drin ist. Ich hab ihn zum Fahrweg gebracht, und dann bin ich zurück.«
»War er noch am Leben?«
»Er war am Leben.«
»Wen hat er noch gekannt, auf dieser Seite?«
Kramml schwieg.
»Kramml.«
»Er hat einen Namen erwähnt. Auf dem Weg. Er hat gesagt, er müsse zu jemandem, der wisse, wie das funktioniere — wie man das, was er mitgebracht habe, weitergebe. Er hat gesagt: der Seewirt.«
Der Seewirt. Brem kannte ihn. Das war kein Familienname, sondern ein Spitzname: Josef Stöhr, Wirt am Rachelsee. Ein Mann, von dem man nichts Konkretes wusste, aber genug ahnte.
Kapitel 13 — Der Seewirt, Freitagnacht
Josef Stöhr war ein großer, breiter Mann mit einem Lächeln, das er immer trug wie einen Arbeitsanzug: zweckmäßig und ohne besondere Zuneigung zu seiner Funktion. Er betrieb das Gasthaus am Rachelsee, das im Sommer von Ausflüglern und im Winter von Holzfällern besucht wurde und das das ganze Jahr über eine Hinterstube hatte, in der Dinge besprochen wurden, die keine Protokolle brauchten.
Brem kam nachts, mit Raab und Seitz, der bestanden hatte, dabei zu sein, und einem jungen Kriminalbeamten aus Regen namens Huber, der frisch von der Schule kam und die Gegend nicht kannte.
Stöhr öffnete die Tür und sah die vier an. Er sagte nichts. Dann trat er zurück.
In der Gaststube saßen noch zwei Männer, die Brem nicht kannte: Städtisch gekleidet, zu gut für die Jahreszeit, zu wenig Schmutz an den Stiefeln für jemanden, der aus dem Wald kam. Sie standen auf, als die vier eintraten.
»Amerikanisch«, flüsterte der Huber.
Das stimmte. Die beiden Männer hatten amerikanische Pässe, und einer von ihnen sprach ein Deutsch, das irgendwo zwischen Ohio und einem Münchner Sprachkurs entstanden war.
Es dauerte eine halbe Stunde, bis Brem verstand, was er wirklich gefunden hatte.
Novak hatte keine politischen Geheimnisse mitgebracht. Keine militärischen. Was in seinem Beutel war — und der Beutel war bei Stöhr, das war das Erste, was Stöhr zugab, vielleicht weil er keine Wahl sah — waren neun weitere Seiten wie die im Wachstuch, handgeschrieben, mit Daten und Namen. Die Liste der Parteifunktionäre in drei Dörfern des Šumava: Srní, Kvilda, Modrava. Männer, die seit 1948 aktiv gewesen waren. Männer, die Namen kannten, die die Amerikaner interessierten.
Novak hatte nicht fliehen wollen. Er hatte etwas liefern wollen.
Und jemand — auf der anderen Seite, einer der Männer auf der Liste — hatte es gewusst.
V.Der Richter urteilt
Kapitel 14 — Samstag, Regen
Seitz saß seinem Schreibtisch gegenüber wie einem widerspenstigen Aktenstapel und dachte nach.
Der Sachverhalt: Ein Mann — vermutlich Franz Novak, Lehrer aus Srní im Šumava — war illegal über die deutsch-tschechoslowakische Grenze bei Bayerisch Eisenstein eingereist, hatte Dokumente von nachrichtendienstlichem Wert bei sich, war auf dem Weg zu einem Treffpunkt an deutschen Behörden vorbei geleitet worden, und war erschlagen worden, bevor er sein Ziel erreicht hatte.
Die Frage: Wer hatte ihn erschlagen?
Die Antwort war, wie fast alle Antworten in dieser Gegend und in dieser Zeit, unbefriedigend.
Stöhr hatte zugegeben, Novak erwartet zu haben. Er hatte zugegeben, die Verbindung zu den Amerikanern zu kennen. Er hatte zugegeben, dass er an dem Abend, als Novak kommen sollte, nicht allein gewesen war.
Der vierte Mann in seiner Gaststube war flüchtig. Ein Name war bekannt: Václav Beneš, tschechischer Staatsbürger, Parteimitglied, in irgendeiner ominösen Funktion tätig, die man in der Hinterstube eines bayerischen Wirtshauses besser nicht besprach. Wie er auf die deutsche Seite gekommen war: unbekannt. Wo er jetzt war: unbekannt.
»Beneš hat Novak erschlagen«, sagte Brem. »Dann hat er den Körper in den Wald getragen und ist zurück.«
»Beweisbar?«
»Die Stiefel. Die Abdrücke. Wir haben einen Abdruck, der zu keinem Einheimischen passt.«
Seitz notierte. »Der Mord ist jenseits meiner Zuständigkeit.«
»Formal ja.«
»Praktisch auch.«
Brem nickte. Das war die Wahrheit dieser Zeit und dieser Grenze: Der Täter war auf der anderen Seite. Die andere Seite war nicht erreichbar. Was blieb, war ein Toter im Friedwald und eine Akte, die geschlossen werden würde, ohne dass irgendjemand für irgendetwas verurteilt wurde.
»Was geschieht mit Stöhr?«
»Beihilfe zum illegalen Grenzübertritt. Wahrscheinlich Bewährung.« Seitz sah nicht glücklich damit aus. »Die Amerikaner« — er machte eine Pause, als müsse er sich an das Wort gewöhnen — »haben dafür gesorgt, dass das keine größeren Wellen schlägt.«
»Das überrascht mich nicht.«
»Mich auch nicht. Aber es ärgert mich.«
Kapitel 15 — Sonntag, Bayerisch Eisenstein
Pfarrer Roiderer las die Messe. Die Kirche war voll, wie jeden Sonntag — die Glasmacher, die Holzfäller, die Sudetendeutschen, die ein paar Jahre nach ihrer Ankunft angefangen hatten, sich als Einheimische zu fühlen, ohne ganz aufgehört zu haben, die Heimat zu vermissen. Sie standen und saßen und knieten mit dem gleichen Gesicht, das Brem aus dieser Gegend kannte: konzentriert, still, irgendwo zwischen Erschöpfung und Würde.
Am Ende der Messe sagte Roiderer kein Wort über Novak. Brem hatte ihn darum gebeten, und Roiderer hatte ohne Zögern zugestimmt. Was geschehen war, gehörte nicht auf die Kanzel. Es gehörte in den Wald, zu dem Friedwald in Niederbayern, wo Novak — wenn niemand anderes ihn beanspruchte, und niemand würde es tun — schließlich begraben werden würde, ohne Name auf dem Stein, weil kein Name sicher war.
Nach der Messe stand Brem vor der Kirche in der Oktobersonne und schaute über die Grenze. Drüben, auf der anderen Seite des Bahnhofs, war die Tschechoslowakei. Die Züge fuhren noch. Die Gleise waren dieselben. Aber die Welt dahinter war geschlossen wie ein zugenähtes Auge.
Greipl kam an ihm vorbei. Nickte. Ging weiter.
Raab kam an ihm vorbei. Sagte nichts. Ging weiter.
Der Stecken Bruckmaier kam an ihm vorbei und hielt inne. »Ist das jetzt erledigt?«
Brem dachte nach. »Es ist so erledigt, wie es erledigt werden kann.«
Bruckmaier nickte langsam, als wäre das eine Antwort, mit der man leben konnte. Dann ging er.
Brem blieb noch eine Weile stehen. Dann ging er auch.
Epilog — Dezember 1952
Der Winter hatte Schnee gebracht, und der Schnee hatte die Spuren am Grenzweg bedeckt, und der Stacheldraht war unter einer dünnen weißen Schicht verschwunden, die ihn freundlicher aussehen ließ, als er war.
Josef Stöhr hatte eine Bewährungsstrafe bekommen, wie Seitz vorausgesagt hatte. Die Schmiede Kramml lief weiter. Die Glasmacher in Frauenau bliesen Glas. Die Holzfäller in Greipls Truppe fällten Holz.
Die amerikanischen Männer aus der Gaststube waren zurück nach München gefahren, oder wohin auch immer sie herkamen.
Franz Novak lag im Friedwald, in einem Grab ohne Beschriftung.
Auf der böhmischen Seite, in Srní, unterrichtete ein anderer Lehrer. In Kvilda schneite es. In Modrava war die alte Glashütte wieder still, und was dort je geschehen war, würde man erst Jahrzehnte später erfahren, wenn die Archive geöffnet wurden und die Männer, die die Listen geschrieben hatten, längst alt waren.
Brem fuhr an einem Dezemberabend die Glasstrasse entlang, von Eisenstein nach Frauenau, weil er in Frauenau einen Bekannten hatte, dem er zu Weihnachten gratulieren wollte. Die Scheinwerfer seines Dienstwagens beleuchteten den Asphalt und die Ränder und gelegentlich ein Tier, das auf den Weg sprang und wieder verschwand.
Die Glasstrasse war alt. Sie hatte Jahrhunderte überlebt, Kriege und Grenzen und alles, was Menschen einander antaten, wenn die Welt sich neu ordnete. Das Glas, das auf ihr transportiert worden war, lag jetzt in Museen und Kirchen und alten Büfetts, zerbrechlich und durchsichtig und, wenn das Licht durch es hindurchging, von einer Schönheit, die man nicht ganz erklären konnte.
Brem fuhr und dachte nicht daran. Er dachte an den Kaffee, der ihn in Frauenau erwartete.
Das war genug.