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Eine freie Erzählung

Der König unter dem Rachel

Eine Geschichte aus dem Bayerischen Wald

Der Wald vergisst nichts.

Das wissen die alten Männer in Spiegelau, die noch die Geschichten ihrer Großväter kennen — Geschichten von Wintern, in denen der Schnee bis zu den Dachbalken reichte und das Holzfällen aufhörte und die Zeit selbst stillstand wie das Herz eines Erschrockenen. In solchen Wintern, sagen sie, kommt er heraus.

Nein. Das stimmt nicht ganz.

Er kommt nicht heraus. Er zeigt sich. Das ist etwas anderes. Er war immer schon draußen. Man hatte ihn nur nicht gesehen.


Die Glasmacher, die einst hier lebten und ihre Öfen wochenlang brennen ließen — nie ausgehen, nie, das war das erste Gesetz des Handwerks und das einzige, das zählte —, kannten eine Regel, die nicht aufgeschrieben wurde, weil das Aufschreiben als Einladung galt. Man sprach sie abends aus, halblaut, bevor man das Feuer für die Nacht übergab: Schau nicht in den Wald, wenn der Wald zurückschaut.

Was das bedeutete, erklärte man den Lehrlingen nicht. Wer fragte, bekam keine Antwort. Wer zweimal fragte, war nach einer Saison weg — nicht geflohen, nicht entlassen. Einfach nicht mehr da. Die Werkzeuge ordentlich weggelegt. Die Schlafstelle gemacht. Die Schüssel gespült.

Als wäre er nie gewesen.


Im Frühjahr 1763 — das steht in den Protokollen des Landgerichts Viechtach, wenn man sie genau liest — verschwand ein Mann namens Benedikt Gruber, Holzhändler aus Regen, auf dem Weg über den Kleinen Rachel. Sein Pferd kam zurück. Das Tier fraß nie wieder richtig. Es stand in der Koppel und sah in eine Richtung, die keine war — nicht Norden, nicht Süden, nicht den Stall, nicht die Weide. Eine Richtung, die es nur für das Pferd gab. Es starb im August desselben Jahres, ohne erkennbare Ursache. Der Tierarzt aus Zwiesel schrieb: Herz versagt. Keine Erklärung.

Gruber selbst tauchte im Juni wieder auf.

Er stand morgens vor seiner eigenen Haustür in Regen, als hätte er geklopft und auf Einlass gewartet — aber niemand hatte geklopft. Seine Frau fand ihn beim Öffnen der Tür: aufrecht, die Hände an den Seiten, die Augen offen. Er schlief im Stehen. Oder etwas, das dem Schlafen ähnelte.

Er war verändert. Nicht auf die Art, wie Männer sich verändern, die einen harten Winter überlebt haben — dünner, misstrauischer, mit dem hohlen Blick des Hungers. Grubers Hunger war anderer Art. Er aß normal. Er trank normal. Er schlief — wenn er schlief, lag er still wie ein Toter, kein Atem sichtbar, keine Bewegung, und seine Frau stand manchmal nachts auf und hielt ihr Ohr an seinen Mund, um sicher zu sein. Einmal hörte sie, sehr leise, unter dem erwarteten Atem: ein zweites Geräusch. Tiefer. Regelmäßiger. Als atmete noch jemand in ihm.

Was er erzählte, erzählte er nur einmal, seinem Pfarrer, und der schrieb es auf und verschloss das Dokument in der Sakristei und sprach nie mehr darüber. Nach dem Tod des Pfarrers, dreißig Jahre später, fand sein Nachfolger das Dokument und verbrannte es. Er sagte hinterher nur, er habe es für falsch gehalten, solche Dinge zu bewahren. Er wirkte dabei nicht religiös überzeugt. Er wirkte erleichtert.

Das, was Gruber erzählt hatte, lässt sich nur aus Fragmenten rekonstruieren — aus dem, was er seiner Frau in schlaflosen Nächten geflüstert hatte, aus dem, was der Pfarrer beim Wein einmal andeutete, ohne es auszusprechen.

Gruber hatte »unter dem Berg« gelebt. In Kammern, die nicht gebaut, sondern offen gelassen worden waren — als hätte der Granit sich freiwillig zurückgezogen. Kein Feuer darin. Kein Licht, das man benennen konnte. Und dennoch: Helligkeit. Eine Helligkeit, die nicht wärmte, die keine Schatten warf, die von nirgendwo kam und überall war, wie Tageslicht in einem Traum.

Er hatte gegessen — etwas. Was genau, wusste er nicht. Er erinnerte sich an den Geschmack: kein Geschmack. Nur Sättigung, tief und sofort, als würde man nicht Nahrung zu sich nehmen, sondern Nahrung aufhören zu brauchen.

Und er hatte einen Mann gesehen.

Nein. Nicht einen Mann. Etwas, das die Form eines Mannes hatte und am Tisch saß und Karten studierte — keine Landkarten, kein Material, das Gruber kannte, dünn wie Haut, mit Linien darauf, die sich bewegten, langsam, wie Flüsse bewegen, wenn man sie von sehr weit oben betrachtet. Der Sitzende hatte aufgesehen. Hatte Gruber angesehen. Und Gruber sagte, das Schlimmste sei nicht gewesen, was er sah. Das Schlimmste sei gewesen, was er nicht sah: Der Mann hatte keine Tiefe. Wenn man einem Menschen in die Augen schaut, gibt es dort etwas — ein Dahinter, ein Innen, einen Raum, den man nicht betreten kann, aber ahnt. Bei diesem waren die Augen wie Löcher in einer Wand. Dahinter: nichts. Kein Raum. Kein Innen. Nur die Wand selbst, die durch sich selbst hindurchging, endlos.

Der Mann hatte nichts gesagt.

Gruber hatte sich umgedreht. War gegangen. Hatte nicht gewusst, wie. Hatte dann draußen gestanden, im Sommerlicht, vor seiner Haustür in Regen.

Drei Monate später, Ende September, fing Gruber an zu sprechen — nicht mit Menschen, sondern leise, in Ecken des Hauses gewandt, auf eine Sprache hin, die niemand verstand. Seine Frau sagte, es hörte sich nicht wie eine fremde Sprache an. Es hörte sich an wie die eigene Sprache, aber rückwärts — dieselbe Melodie, dieselbe Rhythmik, alle Bedeutungen umgekehrt.

Den nächsten Winter überlebte er nicht. Er wurde im Januar in der Koppel gefunden, wo das Pferd gestanden hatte. Aufrecht. Die Hände an den Seiten. Die Augen offen. Kein Schnee auf ihm, obwohl es in der Nacht geschneit hatte. Als wäre er gerade erst hingegangen.

Die Stelle, auf der er stand, wuchs im Frühjahr nicht nach.


Fünf Jahre später wurde ein gewisser Lorenz Hiebl in der Gegend aktiv. Kein Einheimischer. Er führte eine Bande von sieben, acht Männern — ehemalige Söldner, gescheiterte Handwerker, einer angeblich ein entlaufener Mönch —, und sie überfielen die Salzfuhrleute auf dem Goldenen Steig mit einer Präzision, die das Landgericht Viechtach ratlos machte. Nicht die Präzision der Gewalt. Die Präzision des Wissens: Sie kannten immer die beladene Fuhre, immer den Tag ohne Eskorte, immer den Weg, der neu gewählt worden war und den nur der Auftraggeber selbst kannte.

Hiebl war eine seltsame Erscheinung. Still. Höflich. Manieren, die nicht hierher gehörten. Die Bauern mochten ihn; er zahlte, er reparierte, er grüßte. Aber seine Männer mochten etwas an ihm nicht — etwas, das sie nicht benennen konnten und das deshalb in kleinen Verhaltensweisen sichtbar wurde: Sie schlugen um ihn herum kein Lager auf. Nicht direkt bei ihm. Sie schliefen, wenn möglich, einen Steinwurf entfernt. Einer von ihnen, ein Ex-Söldner aus Passau namens Wastl, sagte einmal beim Trinken: Er atmet anders nachts. Nicht falsch. Nur — anders. Tiefer. Als wäre er größer, wenn niemand schaut.

Hiebl sprach, selten und in Andeutungen, von einer Begegnung am Rachel. Ein Winter, in dem er beinahe erfroren war. Ein Ort unter dem Fels. Ein Mann, der ihm gezeigt hatte — was genau, das ließ er nie ganz heraus.

Nur einmal, sehr betrunken, sagte er zu Wastl: Er hat mir nichts gegeben, was ich nicht schon wusste. Er hat mir nur gezeigt, dass ich es wusste.

Wastl fragte: Und was hat er dafür verlangt?

Hiebl sah ihn an. Lange. Dann sagte er: Noch nichts.


Hiebl wurde 1771 gefasst und in Viechtach gehängt, im selben Jahr, in dem der Bayerische Hiasl in Dillingen gevierteilt wurde. Auf dem Weg zum Galgen sprach er nicht. Betete nicht. Er sah in eine Richtung — nicht Norden, nicht Süden, nicht den Himmel, nicht die Menge. Eine Richtung, die nur für ihn existierte. Als er die Treppe zum Galgen bestieg, drehte er sich einmal um und sah in den Wald.

Der Wald sah zurück.

Das jedenfalls behaupteten die Umstehenden — nicht als Metapher, sondern ganz konkret: das Gefühl, dass der Wald am Rand der Stadt, der dunkle Streifen Fichten am Hang, sich in diesem Moment konzentrierte. Aufmerksam wurde. Zusah.

Wastl, der im Gedränge stand und nicht aufgehängt worden war, weil man ihm nichts beweisen konnte, verließ die Gegend noch am selben Tag. Er ließ alles zurück. Er wurde nie wieder gesehen.


Der Rachel steht noch.

Wenn man im Oktober hinaufgeht — wenn der erste Nebel aus dem Tal steigt und die Lärchen ihr Gelb verlieren und die Fichten dunkel werden auf eine Art, die das Licht allein nicht erklärt —, dann gibt es Momente, in denen man das Gefühl hat: nicht beobachtet zu werden, das wäre zu einfach. Eher: registriert. Wie eine Zahl in einer Rechnung, die noch nicht abgeschlossen ist.

Man kann gehen. Das steht außer Frage.

Man darf nur nicht glauben, dass man dabei ist, etwas hinter sich zu lassen.