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Ein Porträt

Der Bajubarde

Das Leben des Fredl Fesl

I.Anfang: Grafenau, 1947

Alfred Raimund Fesl wurde am 7. Juli 1947 in Grafenau geboren — also im Bayerischen Wald, dort, wo der Dialekt am dicksten ist und die Distanz zur Welt am größten. Das Schicksal hatte für ihn offenbar etwas Besonderes vor, wusste es selbst aber noch nicht, und Fesl wusste es erst recht nicht, und eigentlich hat er es sein Leben lang so behandelt, als ob es ihn nicht beträfe: mit freundlicher Gleichgültigkeit gegenüber dem, was andere aus ihm machen wollten.

In seiner Kindheit soll er einer Schule verwiesen worden sein, weil er die Ohrfeige eines Lehrers ebenso mit einer Ohrfeige beantwortete. Das ist keine Anekdote. Das ist ein Charakterporträt in einem Satz.

Als er neun Jahre alt war, übersiedelten die Eltern nach Greding in Mittelfranken, wo sie eine Gastwirtschaft pachteten. Der Vater war Leiter der Stadtkapelle, versuchte den Sohn mit Klarinette, Akkordeon und später Trompete musikalisch zu domestizieren. Von allen Beteiligten wurde Fesl ein gutes Musikgefühl, aber wenig Ehrgeiz beim Üben bescheinigt. Das Üben hat er zeitlebens für überschätzt gehalten. Das Spielen dagegen liebte er.

1959 zog die Familie nach München. Fesl war zwölf. Die Stadt machte, wie er selbst sagte, einen gewaltigen Eindruck auf ihn — weniger die Schule.

II.Der Weg zur Bühne: alles außer Musik

Was Fesl vor seiner Karriere gemacht hat, ist eine Liste, die man dreimal lesen muss, um ihr zu glauben. Laut eigener Aussage arbeitete er als Kürschner, Bühnenschreiner beim Film, Statist, Schlosser, Modeschmuckverkäufer, Sperrmüllsammler, Antiquitätenhändler und Bierfahrer.

Dazwischen: 1966 und 1967 wurde er oberbayerischer Juniorenmeister im Gewichtheben. Ein Mann, der Sperrmüll sammelt und Gewichtheben betreibt und Gitarre spielt und Bier ausliefert, hat offenbar ein sehr weites Verständnis davon, was ein Mensch in einem Leben unterbringen kann.

Das Gitarrenspielen lernte er während seiner Zeit bei der Bundeswehr, wo er auch zum hintergründigen Spaßvogel der Gebirgsjägertruppe wurde und seine Vorgesetzten etwas verärgert haben soll. Für seine Kameraden war er der Typ, der für Spaß und Gelächter sorgte — durch Zwischenfragen beim Unterricht, falsches Dreinsingen beim Marschieren. Das Muster war bereits erkennbar.

Eigentlich wollte er sich in seinem erlernten Beruf als Kunstschmied eine sichere Existenz aufbauen und hatte bereits eine kleine Werkstatt in Freising angemietet. Es kam anders.

III.Der Trick, das Theater, der Durchbruch

Eigenen Aussagen zufolge begann seine Karriere damit, dass er in den Münchner Kleinkunstbühnen durch das Mitbringen seiner Gitarre keinen Eintritt bezahlen musste, da er sich immer als der auftretende Musiker ausgab.

Das ist entweder sehr schlau oder sehr dreist oder beides. Bei Fesl war es beides — aber so formuliert, dass es klang wie die natürlichste Sache der Welt. Wer eine Gitarre trägt, ist der Künstler. Wer kein Geld hat, ist erfinderisch. Wer beides kombiniert, kommt gratis rein.

Als jedoch die eigentlichen Künstler eines Abends fehlten, ließ sich Fesl schließlich überreden und trat selbst auf. Durch seine lustig plaudernde Art gewann er schnell die Sympathien des Publikums.

Das war kein Karriereplan. Das war ein Abend, an dem niemand auftauchte und einer, der eigentlich nichts vorhatte, beschloss: Dann halt ich.

1976 entstand im Münchner Theater im Fraunhofer seine erste Schallplatte mit dem Titel Fredl Fesl. Fünf weitere Alben sollten folgen. Nach der Veröffentlichung seiner ersten Schallplatte hatte er eine eigene Fernsehsendung: Fredl und seine Gäste.

Vom Freifahrtrick zur eigenen Fernsehshow: sieben Jahre, ungefähr.

IV.Die Lieder

Fesl nannte seine Werke »bayrische und melankomische Lieder« — wobei »melankomisch« selbst schon ein Wortspiel ist: melancholisch plus komisch, verschmolzen zu einer Vokabel, die das Ergebnis präzise beschreibt. Traurig-witzig. Witzigtraurig. Beides auf einmal, keines davon ganz.

Sein Lied vom edlen Rittersepp oder von den 44 Fußballbeinen, das Taxilied und den Königsjodler konnte in den späten Siebzigern jedes Kind mitsingen. Das Fußballlied hat seinen eigentümlichen Charme: Elf Spieler, zwei Mannschaften — 22 Spieler also, vier Beine pro Spieler — macht 88 Beine. Das wird mit der für Fesl typischen schlichten Logik durchgerechnet, bis man lacht, obwohl man nicht genau weiß, worüber.

Das berühmteste Beispiel seiner Gedankenmechanik:

»Ein Pferd hat vier Beiner, an jeder Ecken einer, drei Beiner hätt', umfallen tät'!«

Das ist so albern, dass es schon wieder klug ist. Oder so klug, dass es albern wirkt. Fesl hätte auf die Frage nicht geantwortet — er hätte sie als Vorrede für das nächste Lied verwendet.

Der Anlass-Jodler verdient einen eigenen Absatz. Das Lied handelt von einem Auto, das nicht anspringt — »Anlasser« heißt auf Bayerisch auch »Anfang« — und entfaltet aus diesem simplen Ausgangspunkt eine Meditation über das Scheitern, die Technik und das Leben, die man nicht erklären, nur erleben kann. Als Fesl 1989 einen Gastauftritt in Meister Eder und sein Pumuckl hatte, begründete er sein verspätetes Erscheinen damit, dass sein Auto nicht angesprungen war — als Anspielung auf seinen bekannten Anlass-Jodler. Die Grenze zwischen Figur und Person war bei ihm durchlässig.

Der auf dem Debüt-Album enthaltene Glocken-Song durfte vom Bayerischen Rundfunk nicht gespielt werden, da darin kirchenfeindliche Inhalte gesehen wurden. Fesl hat das wahrscheinlich als Auszeichnung aufgefasst.

V.Die Vorreden

Das Eigentümlichste an Fredl Fesl waren nicht die Lieder. Es waren die Einleitungen.

Eines seiner Markenzeichen bei Live-Auftritten waren ausführliche Vorreden vor jedem Stück, die nach eigener Aussage manchmal länger waren als die Lieder selbst.

Was in diesen Vorreden passierte, lässt sich nicht vollständig transkribieren — es war zu sehr an seine Stimme, seinen Rhythmus, seine Fähigkeit gebunden, einen Gedanken so lange zu drehen, bis er etwas vollkommen anderes ergab, als er am Anfang angekündigt hatte. Eine Vorrede über eine Kuh konnte beim Steuerrecht enden. Eine Einleitung zum Taxilied konnte mit einer Bemerkung über Tintenfische beginnen. Das Publikum wusste nie, ob Fesl noch auf dem Weg zum Thema war oder das Thema bereits hinter sich gelassen hatte. Oft war es beides.

Diese Vorreden dauerten manchmal länger als die Lieder selbst und lösten beim Publikum fast noch mehr Begeisterung aus.

Das ist eine Kunst, die keine Bezeichnung hat. Näher als alles andere kommt ihr Karl Valentin — ein Humor, der ähnlich wie jener Valentins durch die Hintertür kam. 1977 spielte Fesl im Film Die Jugendstreiche des Knaben Karl — der vom jungen Karl Valentin handelt — einen Sänger und sang darin in einem Biergarten aus seinen Bibel-Gstanzl'n. Die Verbindungslinie war keine zufällige.

Das Prinzip bei beiden: Die Sprache selbst ist das Sujet. Nicht was man sagt, sondern wie das, was man sagt, sich verhält, wenn man es etwas länger betrachtet. Bei Fesl kam noch das Bairische dazu — eine Sprache, die für Wortspiele eine besondere Eignung hat, weil ihre Doppeldeutigkeiten so dicht gesät sind, dass man kaum einen Satz sagen kann, ohne aus Versehen komisch zu sein.

VI.Der Auftritt

Ein Fesl-Konzert hatte eine eigene Dramaturgie. Er saß. Er spielte Gitarre — außerdem Tuba, Trompete, Althorn und Klavier, aber die Gitarre war sein Hauptinstrument, sein Gesprächspartner, sein Schweigepartner, wenn er redete. Er redete viel. Er sang auch. Beides war untrennbar.

Abschließende Zugabe eines Konzerts war ein Handstand auf dem Stuhl, auf dem er die Lieder sitzend vorgetragen hatte.

Das ist eine Information, die man zweimal lesen muss: Ein Mann, der die ganze Zeit über gesessen und geredet und gespielt hatte — dieser Mann stellte sich am Ende auf den Kopf. Auf dem Stuhl. Als Zugabe. Das sagt alles über Fredl Fesl: Die Pointe kommt, wenn man sie nicht erwartet, und sie ist physischer Natur.

Ottfried Fischer bezeichnete ihn in seiner Sendung Ottis Schlachthof im Bayerischen Fernsehen 1999 als Angehörigen der obersten Zunft der bayerischen Liedermacher, als »echten Pfundskerl« und Rebell der eher sanfteren Sorte mit hintergründigem und skurrilem Humor.

»Rebell der sanften Sorte« ist präzise. Fesl hat nie laut rebelliert. Er hat einfach Dinge gemacht, die nicht vorgesehen waren — und mit solcher Selbstverständlichkeit, dass es unausweichlich wirkte.

VII.Der Bagger

Fesl kaufte sich privat einen Bagger.

Das steht in der Wikipedia-Seite als einzelner Satz, ohne Erklärung, ohne Kontext, ohne Kommentar. So wie Fesl eine Vorrede enden ließ: mit einer Behauptung, deren Begründung der Zuhörer selbst findet.

Warum kaufte sich Fredl Fesl einen Bagger? Man kann fragen. Man wird keine befriedigende Antwort bekommen. Wahrscheinlich wäre Fesl die Frage selbst zu einer langen Vorrede geworden — über Bagger im Allgemeinen, über das Wesen des Grabens, über die Frage, was Ausheben und Auffüllen gemeinsam haben, und dann hätte er ein Lied gespielt, das mit Baggern nichts zu tun hatte. Am Ende hätte das Publikum applaudiert.

Er lebte zuletzt mit seiner Frau Monika auf einem alleinstehenden Bauernhof, etwa 100 Kilometer östlich von München. Ein Mann mit Bagger auf einem Einödhof in Oberbayern: Das klingt wie eine Fesl-Vorrede. Es war sein echtes Leben.

VIII.Erbe und Ende

Die Geschwister Well berufen sich ebenso wie Willy Astor und zahlreiche andere auf den vollbärtigen Volksmusikanarchisten, begnadeten Gitarristen und hintersinnigen Wortakrobaten. Martina Schwarzmann, Hans Well, Konstantin Wecker — sie alle kennen ihre Schulden gegenüber Fesl, auch wenn Fesl das Wort Schulden für übertrieben gehalten hätte.

Seit 1997 litt Fesl an Parkinson. Ende 2006 musste er seine Abschiedstournee vorzeitig beenden. 2009 wurde ihm ein Hirnschrittmacher eingesetzt. Er hat die Krankheit kommentiert wie alles andere: trocken, ohne Drama. Als 2008 ein Gerichtsverfahren wegen der Erwähnung Jürgen Klinsmanns in einem Veldensteiner-Werbespot entstand, kommentierte Fesl das mit dem Satz:

»Es gibt Schlimmeres, matschige Semmelknödel zum Beispiel.«

2015 erschien seine Autobiografie Ohne Gaudi is ois nix mit Erinnerungen von Wegbegleitern wie Zither-Manä, Mike Krüger, Konstantin Wecker, Hans Well, Willy Astor und Martina Schwarzmann.

Beim Rückblick auf seine Karriere sagte er:

»Eigentlich bin ich mit mir sehr zufrieden. Wenn ich nicht so bescheiden wäre, wäre ich vielleicht sogar ein bisschen stolz auf mich.«

Das ist Fesl in einem Satz: die Bescheidenheit als Verkleidung des Stolzes, und der Stolz als Verkleidung der Bescheidenheit, und keiner von beiden ist ganz ernst gemeint, und beide sind vollkommen aufrichtig.

Am 25. Juni 2024 starb Alfred Raimund Fesl in Pleiskirchen im Alter von 76 Jahren. Er fand seine letzte Ruhestätte in einem Friedwald in Niederbayern.

Kein Friedhof. Ein Wald. Das ist konsequent.

IX.Warum er bleibt

Fredl Fesl hat etwas getan, das schwieriger ist als es klingt: Er hat eine Form erfunden. Das bayerische Musikkabarett — die Verbindung von Dialektlied, Wortspiel, ausufernder Vorrede und musikalischer Präzision — gab es in dieser Form vor ihm nicht. Nach ihm konnte man es nicht mehr wegdenken.

Sein Humor war nicht der Humor des Ulks. Er war der Humor der Sprache, die sich selbst beim Denken zuschaut und dabei lacht. Das ist seltener, als man glaubt. Die meisten Komiker wissen, was komisch ist. Fesl wusste, warum es komisch ist — und machte das zum Programm.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder schrieb nach Fesls Tod: »Er war ein bayerisches Original mit hintersinnigem Humor und brachte die Menschen gleichermaßen zum Lachen und Nachdenken.« Das stimmt. Aber es fehlt die Nuance. Fesl brachte einen nicht erst zum Lachen und dann zum Nachdenken. Beides geschah gleichzeitig, im selben Atemzug, ohne Pause dazwischen. Das ist das Schwierigste — und das war sein Markenzeichen.

Der Bagger steht wahrscheinlich noch. Der Einödhof in Pleiskirchen. Die Lieder sowieso.