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Ein Porträt

Des freien Waldes freies Kind

Das Leben der Emerenz Meier

I.Schiefweg, 1874

Der Name des Ortes ist bereits ein Programm. Schiefweg — kein Dorf im eigentlichen Sinne, sondern eine Ansammlung von Gehöften im Unteren Bayerischen Wald, nahe Waldkirchen, nahe Passau, nahe der böhmischen Grenze, nahe dem Ende der Welt, wie es den Menschen dort vorkam, die nie weggingen. Am 3. Oktober 1874 wurde hier Emerenz Meier geboren, als Tochter des Landwirts, Viehhändlers und Gastwirts Josef Meier und seiner Frau Emerenz, geborene Raab.

Sie war das sechste Kind. In einer sonst illiteraten Umgebung fand die sehr gute Schülerin in den Werken Homers, Dantes, Goethes, Schillers sowie anderer deutscher Klassiker Zuflucht vor der strengen Hof- und Hausarbeit; Unterstützung fand sie bei ihrer älteren Schwester Petronilla, aus deren Lektüre-Büchern Emerenz kleinere Gedichte verfasste. Mehr als fünf Klassen durfte sie nicht besuchen — die höheren Schulen waren ohnehin bis 1903 Jungen vorbehalten.

Was also blieb, war das Schreiben. Heimlich, zwischen Bierkrügen und Stallarbeit. Die ungebildeten Eltern hielten die »Verslmacherei« ihrer Tochter für Zeitverschwendung und forderten sie auf, lieber den Gästen im Wirtshaus das Bier an den Tisch zu bringen.

Sie brachte das Bier. Und schrieb trotzdem.

II.Die erste Erzählung, 1893

Im Jahr 1893 wurde in der Passauer Donau-Zeitung ihre erste Erzählung Der Juhschroa veröffentlicht — die sie heimlich eingesandt hatte. Sie war neunzehn. Niemand in Schiefweg wusste davon, bis die Zeitung ankam.

Das Stück war gut. Nicht gut im Sinne von gefällig — gut im Sinne von präzise, scharf, ohne Sentimentalität. Emerenz Meier schrieb nicht über den Bayerischen Wald, wie er in der Sehnsucht existiert, sondern wie er war: arm, hart, manchmal brutal, mit Menschen, die in Verhältnissen lebten, die keinen Spielraum ließen. Die Benachteiligten und Ausgegrenzten der dörflichen Gemeinschaft hatten es ihr angetan — etwa die Tochter eines Bauern, deren Liebe aufgrund alltäglicher Diskriminierungen tragisch scheitert. Ihr erzählerisches Werk bewegt sich zwischen Naturalismus und kritischer Heimatkunst — eine Verortung, die ihren Texten bis heute gerecht wird.

1891 hatte die Familie Schiefweg verlassen und war in den Nachbarort Oberndorf gezogen, wo Emerenz Meier ein eigenes Zimmer zum Studieren und Dichten erhielt. Ein Zimmer. Das war mehr, als die meisten Frauen ihrer Generation bekamen.

III.Das Buch, 1896 — und der Ruhm

Im Herbst 1896 erschien im ostpreußischen Königsberg ihr erstes und einziges Buch: Aus dem bayrischen Wald. Dass es ausgerechnet in Königsberg erschien — am anderen Ende des Deutschen Reiches, Tausende Kilometer entfernt von Schiefweg —, sagt bereits alles über die Konstellation, in der sich diese Frau befand: Der Ruf ihrer Texte war weiter gereist als sie selbst.

Ihre Gedichte wurden über Bayerns Grenzen hinaus bekannt, und das Buch wurde von naturalistischen Kritikern wie Michael Georg Conrad und Peter Rosegger in den höchsten Tönen gelobt. Texte von ihr erschienen in Zeitschriften wie dem Simplicissimus und den Fliegenden Blättern.

Der Schriftsteller Hans Carossa las das Buch und besuchte daraufhin im Herbst 1898 Emerenz Meier zu Fuß in Schiefweg. In seinem 1941 im Insel Verlag erschienenen Buch Das Jahr der schönen Täuschungen hat er diese Fußwanderung und den anschließenden Aufenthalt auf dem Hof literarisch verarbeitet. Er nannte sie eine »sanfte Rebellin« mit schwer zu ergründender »Doppelnatur« — eine Formulierung, die so präzise ist, dass sie bis heute zitiert wird.

Auf den Jahrmärkten gab es Uhrkettenanhänger mit ihrem Bild in Miniaturfotografie zu kaufen. Ihre Fotografie in Tracht wurde 1898 vom Erfinder der Ansichtskarte, Alphons Adolph aus Passau, zusammen mit dem Foto ihres Geburtshauses als »Gruß aus Waldkirchen« vertrieben. Eine Bauernmagd und Gastwirtstochter aus dem Wald — als Souvenir. Das Paradox war niemandem aufgefallen.

Emerenz Meier wurde von Therese Prinzessin von Bayern empfangen, die nicht nur als Ethnologin und Biologin, sondern auch als Reiseschriftstellerin tätig war. Das erhoffte Stipendium bekam sie nicht.

Das war die Situation: berühmt genug für Ansichtskarten und Fürstinnenbesuche, arm genug, um auf Fördermittel angewiesen zu sein, die nicht kamen.

IV.Was sie schrieb

Emerenz Meier ist keine einfach einzuordnende Figur. Das ist der Grund, warum sie interessant bleibt.

Ihre lyrischen Texte reichen von ironisch-humorvollen Mundartversen bis zu ernster, philosophisch-politischer Gedankenlyrik in freien Rhythmen; sie sind oft hart und nüchtern, aufrüttelnd und kritisch-anklagend, aber auch empfindsam-verklärend, leise — immer aber sprachlich präzise und pointiert.

Die Naturlyrik — hymnisch, tief verwurzelt, beinahe körperlich in ihrer Unmittelbarkeit — ist der eine Pol. Ihr bekanntester Selbstausdruck:

Ich bin des freien Waldes freies Kind.

Das ist keine romantische Klischeeformel. Das ist eine Besitzanspruchserklärung einer Frau, die in einem sozialen Gefüge lebte, das Frauen kaum Besitz zugestand, schon gar nicht den Besitz von sich selbst.

Der andere Pol: die Sozialkritik. Scharf greift sie die Benachteiligung von Frauen auf:

Wenn sich ein Weib aus der Herde erhebt / Und nicht nach der alten Schablone lebt ...

Das ist nicht Heimatdichtung. Das ist Kampflyrik.

Von der ländlichen Bevölkerung ihrer Heimatgemeinde Schiefweg wurde sie als »narrische Verslmacherin« beschimpft, nach ihrem Aufenthalt in Passau auch als »Hure«.

Die Gleichzeitigkeit dieser beiden Reaktionen — Berühmtheit in der Großstadt, Verachtung zu Hause — ist das Scharnier, um das ihr Leben dreht.

V.Die Zwischenjahre: Passau, München, das Scheitern

Nach dem Buch versuchte Emerenz Meier mehrfach, als freie Schriftstellerin zu leben. Sie arbeitete als Wirtin in Passau. Sie zog nach München. Beides scheiterte — aus denselben Gründen, aus denen talentierte Frauen ohne Kapital und Netzwerk in dieser Epoche immer scheiterten: Die strukturellen Bedingungen ließen es nicht zu. Rastlos übernahm sie schließlich den Hof ihres Vaters in Simpoln bei Fürsteneck.

Das Schreiben hörte nicht auf. Aber die Hoffnung auf eine literarische Existenz im Sinne von Unabhängigkeit und Einkommen — die erodierte langsam.

VI.Chicago, 1906

Zu Ende des Jahrhunderts wanderte der Vater wegen der zunehmend schwierigen wirtschaftlichen Lage mit einigen Familienangehörigen in die USA aus. Im März 1906 folgte Emerenz Meier mit ihrer Mutter nach einem Intermezzo als Wirtin in Passau und Schriftstellerin in München dem ausgewanderten Vater und ihren Schwestern nach.

Sie war zweiunddreißig. Sie hatte ein Buch veröffentlicht, das gelobt worden war. Sie hatte Fürstinnen getroffen. Sie hatte Jahrzehnte auf die Entfaltung ihrer Möglichkeiten gewartet. Jetzt fuhr sie nach Chicago.

Emerenz siedelte sich im deutschen Viertel an. Der erhoffte persönliche wirtschaftliche Aufschwung stellte sich nicht ein. Im Jahr 1907 heiratete sie Josef Schmöller, einen Landsmann aus dem Bayerischen Wald. 1908 kam ein Sohn zur Welt. Ihr Mann starb 1910 an Tuberkulose. In zweiter Ehe heiratete sie den Schweden John Lindgren.

Was folgte, ist die bitterste Phase ihrer Biographie — nicht weil sie aufhörte zu schreiben, sondern weil sie weiterschrieb, ohne dass irgendjemand es wahrnahm. Aus der Schriftstellerin und freigesinnten Waldlerin wurde eine Lohnarbeiterin, die »jungen, gummikauenden Frauen den Fußboden« schrubbte und in Fabriken sexuelle Diskriminierungen über sich ergehen lassen musste.

Aber: Sie schrieb Briefe. Und diese Briefe sind Dokumente von einer Schärfe, die ihre bayerische Publizistik bei weitem übertrifft.

VII.Die Radikalisierung

In einem Brief an Auguste Unertl vom 15. März 1920 schrieb sie:

Kapitalistische Herrschaft bleibt. Auch der menschlich gesinnteste Anhänger derselben wird schlauerweise immer dafür sorgen, daß es ein Proletariat gibt. Ich bin fürchterlich radikal gesinnt, war es eigentlich immer, insgeheim.

Insgeheim. Das ist das Schlüsselwort. Was in Schiefweg und Passau und München unter der Oberfläche der Heimatdichterin gelegen hatte — die Wut, die Analyse, der politische Impuls —, das trat in Chicago offen hervor. Der Erste Weltkrieg verschärfte ihre Kritik an den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen in Europa und Amerika. Sie wandelte sich zur überzeugten Pazifistin und Kommunistin.

Am deutlichsten zeigt sich das im Radikalen Rat von 1917/18, der vom Tonfall an die anarchistische Lyrik Erich Mühsams erinnert und in dem Meier zu Streik und Herrschermord aufruft.

Die Frau, die man in Bayern als brave Heimatdichterin auf Ansichtskarten gedruckt hatte, schrieb in Chicago Texte, die zum Umsturz aufriefen. Das ist keine Entwicklung — das ist eine Entblätterung.

VIII.Das Ende, 28. Februar 1928

Emerenz Meier starb am 28. Februar 1928 in Chicago im Alter von 53 Jahren an den Folgen einer Nierenentzündung.

Sie starb arm. Sie starb weit von Schiefweg entfernt, in einer Stadt, deren Lärm und Tempo sie verabscheute, unter Menschen, die ihr Bairisch nicht verstanden und die ihren Wald nie gesehen hatten. Ihr Nachlass — Briefe, Gedichte, Erzählfragmente — lag jahrzehntelang verstreut in Archiven, teilweise in Stenographie geschrieben, teilweise unbeachtet.

Mehr als sechzig Jahre nach ihrem Tod erschienen 1991 ihre Gesammelten Werke, herausgegeben von Hans Göttler, der seit den 1980er Jahren als ihr wichtigster Wiederentdecker gilt.

IX.Warum sie heute noch wichtig ist

Emerenz Meier ist heute aus mehreren Gründen bedeutsam — und keiner davon ist regional oder sentimental.

Erstens: Sie schrieb über Natur nicht als Kulisse, sondern als Substanz — zu einer Zeit, in der das kein literarisches Thema war, sondern ein Anachronismus. Heute ist Naturverbundenheit als politische Haltung selbstverständlich. Meier hatte sie ein Jahrhundert früher.

Zweitens: Sie schrieb über weibliche Arbeit, weibliche Einschränkung und weibliche Wut mit einer Direktheit, die sich von der bürgerlichen Frauenliteraturbewegung ihrer Zeit klar unterscheidet. Inwiefern weibliche Care-Arbeit die Produktion von Literatur behindert oder sie zugleich inspiriert — das ist ein Thema, das Meier in einem Gedicht um 1900 verhandelt und das heute in der feministischen Literaturwissenschaft als Kernfrage gilt.

Drittens: Sie ist eine Migrationsfigur. Ihr Leben vollzieht eine Bewegung, die Millionen Menschen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts machten — und sie schrieb darüber, von innen, ohne Beschönigung. Klage, Religion und Mundart sind drei wesentliche Aspekte, die in ihrem gesamten Werk durchgehend begegnen, mit einer Rückführung auf gesellschaftliche Gegebenheiten, die sich mit der Auswanderung nach Amerika ungemein verstärkte.

Viertens: Emerenz Meier wird heute als »Vorläuferin der literarischen Moderne« bezeichnet — eine Einschätzung, die ihre erzählerische Technik meint: lakonisch, ohne sentimentale Auflösung, mit einem Blick auf die Verlierer sozialer Ordnungen, der weder anklagt noch entschuldigt, sondern zeigt.

Schließlich: Sie ist das Gegenmodell zur folgsamen Heimatdichterin, zu der man sie machen wollte. Eine Bronzebüste steht seit Oktober 2008 am Donaukai der Stadt Passau. Ihr restauriertes Geburtshaus in Schiefweg beherbergt das Auswanderermuseum Born in Schiefweg. Die Mittelschule in Waldkirchen trägt ihren Namen.

Das ist Wiedergutmachung, mit Jahrzehnten Verspätung. Aber es ist auch ein Zeichen, dass eine Gesellschaft manchmal lernt, die Frauen zu ehren, die sie zu Lebzeiten verachtet hat — als »narrische Verslmacherinnen«, als »Huren«, als Unbequeme.

Emerenz Meier war all das. Und eine Dichterin von Rang.