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Eine Erzählung

Die Farbe des Windes

Eine Geschichte vom Arbersee

Am Arbersee gibt es kein Echo.

Das ist das erste, was Fremde bemerken — dass die Stille dort nicht die Abwesenheit von Klang ist, sondern etwas Aktives. Die Fichten schlucken die Laute. Das Wasser nimmt sie auf. Was man ruft, geht hinein und kommt nicht zurück. Als hätte der See beschlossen, zu behalten, was ihm gehört.

Mélusine — das ist kein Name, den ihr jemand gegeben hatte; es war der Name, den das Wasser für sie fand, das Geräusch, das entsteht, wenn eine Welle unter Moos läuft — lebte seit so langer Zeit im See, dass sie die Jahreszeiten nicht mehr zählte, sondern schmeckte. Der Frühling schmeckte nach Schmelzwasser und Birkenrinde. Der Sommer nach warmem Stein. Der Herbst — der Herbst war schwer und süß, wie alles, das sich darauf vorbereitet, aufzuhören.

Sie hatte die Form eines Gedankens, der gerade entsteht: noch nicht ganz greifbar, bereits vorhanden. Wer sie sah — und die meisten sahen sie nicht, weil man lernen muss, im richtigen Modus zu schauen, nicht fokussiert, sondern offen, wie man ein schwaches Licht am Nachthimmel sieht, indem man knapp danebenschaut —, wer sie also sah, sah etwas wie einen Wasserschleier, der die falsche Richtung wählt. Gegen die Welle. Gegen den Wind. Einen Reflex, der sich weigert zu gehorchen.

Sie war alt. Aber nicht müde. Das ist der Unterschied zwischen den Wasserwesen und den Erdwesen: Erde erschöpft sich. Wasser wiederholt sich.


Er kam im Oktober, im dritten Jahr nach dem großen Windwurf, als die Stürme aus Böhmen so schwer waren, dass sie Fichten wie Streichhölzer brachen und der Nationalpark beschlossen hatte, die Wunden liegen zu lassen — das tote Holz, das neue Leben.

Er hatte viele Namen, weil er viele Gesichter hatte, weil er kein Gesicht hatte. Windmann sagten die Alten in Bayerisch Eisenstein. Böhmischer sagten die Forstleute, wenn der Ostwind drehte und Regen brachte, der waagerecht fiel. Der Fahrende stand in keinem Buch, aber in mehreren Träumen von Menschen, die am Arber-Hang lebten und morgens nicht mehr wussten, was sie geträumt hatten — nur dass jemand gegangen war.

Er war kein Sturm. Das ist wichtig. Stürme sind Zustände. Er war ein Wesen: die Absicht hinter dem Wind, das Wollen, das dem Wetter vorausläuft. Man kann ihn sich vorstellen wie die Krümmung einer Straße, bevor man sie sieht — das Vorwissen des Raumes, das in der Luft liegt.

Er fuhr an jenem Oktober-Nachmittag über den Kamm des Arber, ließ sich fallen, und traf den See.

Genauer: Er traf die Stille des Sees.

Für ein Wesen wie ihn, das ausschließlich aus Bewegung besteht, war Stille das Fremdartigste überhaupt. Nicht das Gegenteil von sich selbst — eher: eine Dimension, die man nicht kennt und die deshalb Aufmerksamkeit erzeugt. Er blieb.

Nicht im See — er konnte nicht im Wasser bleiben, das hätte ihn aufgelöst, Luft und Wasser sind Geschwister, aber keine guten. Er blieb an der Oberfläche. Fuhr über das Wasser in kleinen Kreisen, wie man einen Gedanken dreht, ohne ihn zu fassen.

Mélusine sah ihn vom Grund aus.

Von unten sieht Wind wie Silber aus — die Verwirbelungen an der Oberfläche, Licht, das gebrochen wird von Bewegung, die kein Muster hat und trotzdem kein Zufall ist. Sie stieg auf, langsam, bis zur Grenze zwischen Wasser und Luft, und hielt inne.

Er spürte sie, bevor er sie sah. Das Wasser änderte seine Farbe an einer Stelle — wurde grüner, tiefer, bewusster. Als würde ein Auge sich öffnen.

Sie sahen sich an über die Grenze, die zwischen ihnen lag. Die dünnste Grenze der Welt — Oberfläche — und zugleich die absoluteste. Wasser kann nicht Luft werden. Luft kann nicht Wasser werden. Die Verwandlung in das jeweils andere wäre die Auflösung.

Er sagte nichts. Windgeister sprechen nicht in Worten; sie sprechen in Druckveränderungen, in Richtungsänderungen, in dem Geräusch, das Blätter machen, wenn sie eine bestimmte Nachricht übermitteln. Er änderte seine Richtung und fuhr dreimal um den See, wie man dreimal klopft.

Sie ließ eine kleine Welle entstehen, die gegen kein Ufer strebte, sondern ins Zentrum lief, nach innen. Das ist die Antwort des Wassers auf eine Begrüßung: Komm her, sage ich zu mir selbst, was das Gleiche bedeutet wie: Ich sehe dich.


Sie trafen sich danach jeden Abend im Oktober, wenn das Licht am See horizontal wird und die Fichten aufhören, Einzelwesen zu sein, und zu einem Dunkel verschmelzen. Er lag über dem Wasser. Sie lag unter der Oberfläche. Zwischen ihnen: die Grenze, durch die sie einander nicht berühren konnten.

Sie lernte, ihn zu lesen. Die Art, wie er ankam — von Osten, immer zuerst von Osten, der Böhmwind, der Fahrende —, sagte ihr seine Stimmung. Schnell und flach: Ungeduld. Langsam und drehend: er hatte etwas gesehen auf dem Weg, das ihn aufgehalten hatte. Einmal kam er gar nicht. Der See wartete in vollkommener Windstille. Das Wasser wurde flach und blank wie ein Spiegel und zeigte nur den Himmel. Kein Boden mehr. Als hätte Mélusine sich aus sich selbst zurückgezogen.

Er lernte sie ebenfalls. Das Wasser ist nicht einheitlich; es hat Strömungen, Temperaturen, Zonen des Lichts und der Dunkelheit. In welcher Zone sie sich aufhielt, wenn er ankam, sagte ihm, wie ihr der Tag gewesen war. Tief und kalt: Sie hatte lang geschlafen und gedacht. Flach und bewegt: Sie hatte Gesellschaft gehabt — Enten, Fische, einmal ein Reh, das bis zu den Knien ins Ufer gewatet war und eine halbe Stunde lang ins Wasser gestarrt hatte, als würde es etwas suchen.

Was die Windgeister fühlen, wenn sie warten: das ist in keinem Buch beschrieben. Sie fühlen keine Zeit, weil Zeit ein Erdkonzept ist, eine Folge des Schweren. Aber sie kennen Erwartung — den Zustand, in dem eine Bewegung sich auf eine andere zubewegt. Wenn er über den Kamm des Arber stieg und der See noch außer Sichtweite war, war das bereits eine Farbe: das Vorher. Es hatte einen Geschmack, den er nicht kannte, bevor er den See kannte. Er hatte keinen Namen dafür. Er hätte ihn, wenn er einen gebraucht hätte, so benannt:

das Grün unter der Oberfläche, von oben gesehen.


Im November versuchten sie, die Grenze zu überwinden.

Sie war es, die zuerst auftauchte — über die Oberfläche, in die Luft, in sein Element. Das war eine Gewaltleistung, die sie tagelang schwächte. Luft ist zu dünn für ein Wasserwesen; alles, was sie war, drohte sich zu verflüchtigen. Sie hielt nur Sekunden durch — lang genug, um zu spüren, was er war.

Kalt. Aber nicht die Kälte des Wassers, die drückt und hält. Die Kälte der Luft, die löst. Sie war in ihm, für diesen Moment, wie Nebel in Wind ist: aufgelöst und trotzdem da, getragen, nicht gehalten. Weitergereicht.

Sie sank zurück.

Er wartete.

Dann, einmal, versuchte er es umgekehrt. Er ließ sich sinken, unter die Oberfläche — und das war Auflösung, sofort, ein Aufhören seiner Kohärenz. Wasser verdrängt Luft, das ist physikalisch. Ein Windgeist, der ins Wasser taucht, hört auf, ein Windgeist zu sein. Er zog sich zurück, bevor er ganz verschwand.

Sie wartete.

Dann: Stille auf beiden Seiten der Grenze. Zwei Wesen, die einander so genau kannten, wie es möglich ist, ohne sich je berührt zu haben, und die jetzt wussten, dass die Berührung die Auflösung des Einen oder des Anderen bedeuten würde.


Die Geschichte der Windgeister

Das ist der Kern der Geschichte der Windgeister, und er wird selten erzählt, weil er kein gutes Ende hat, aber ein wahres:

Windgeister können lieben. Sie können es vollständig, ohne Vorbehalt, mit einer Intensität, die das Wasser bewegt und die Wolken formt und die Richtung der Stürme ändert. Was sie nicht können, ist bleiben. Ihr Wesen ist Bewegung; Stillstand tötet sie langsamer als Wasser, aber genauso sicher. Ein Windgeist, der für ein Wasserwesen bleibt, wird weniger — wird flacher, verliert Geschwindigkeit, verliert Richtung, verliert schließlich die Fähigkeit, Wind zu sein. Er wird Luft. Unbewegt. Gleichgültig.

Das ist das alte Wissen, das die Alchemisten in ihren Beschreibungen der Sylphen versteckten, ohne es direkt auszusprechen:

Sie sind unsterblich, aber nicht unveränderlich. Liebe kann ein Sylph empfangen. Geben kann er sie nur, indem er geht.

Er war im Dezember seltener.

Mélusine spürte es, wie man einen nachlassenden Strom spürt — nicht dramatisch, nicht abrupt, sondern als Verringerung. Weniger Druck. Weniger Richtung. Der Wind kam noch, aber kürzer, und drehte früher ab, als würde jemand, der Abschied nehmen muss, die Verabschiedung über mehrere Besuche verteilen, weil er sie nicht auf einmal erträgt.

Sie ließ ihn. Das ist die Intelligenz des Wassers: Es hält nicht fest. Es nimmt, was kommt, und gibt frei, was geht, und bewahrt nur die Form — die Mulde, die der See in den Granit gegraben hat, Jahrtausende lang, und die bleibt, wenn das Wasser längst eine andere Farbe hat.


Im Januar war der See zugefroren.

Mélusine lag unter dem Eis, in der Zone zwischen Schlaf und Wachen, in der Wasserwesen den Winter verbringen. Das Eis ist keine Grenze; es ist ein Dach. Unter ihm ist alles noch da.

Er kam einmal, Mitte Januar, als die Temperatur auf minus achtzehn fiel und die Luft so klar war, dass man von Bayerisch Eisenstein aus die einzelnen Bäume am Kamm zählen konnte. Er fuhr über das Eis — nicht über Wasser, nicht über Luft, sondern über diese dritte Substanz, die beides enthält und keines ist — und er fuhr sehr langsam. Fast ohne Bewegung. Fast wie Stillstand.

Unter dem Eis, im Dunkeln, spürte Mélusine ihn als Vibration. Fein. Wie das Nachklingen eines Tons, der aufgehört hat.

Sie schickte ihm das einzige, was durch Eis geht: Wärme. Nicht viel. Genug, um die unterste Schicht des Eises leicht anzutauen, einen Millimeter, einen Hauch. Genug, damit er spürte, dass darunter etwas Flüssiges war. Etwas, das nicht gefroren war. Etwas, das wartete.

Er stand noch eine Weile.

Dann fuhr er. Über den Kamm, nach Osten, zurück nach Böhmen oder wohin Windgeister gehen, wenn sie gehen — in das Vorher des nächsten Sturms, in die Absicht des nächsten Wetters, in die Bewegung, die ihr Wesen ist und ohne die sie aufhören, sie selbst zu sein.


Im März, wenn das Eis bricht und der See sich schüttelt wie ein Tier, das aufwacht, gibt es an der Ostseite des Arbersees eine Stelle, wo der erste Wind des Jahres immer ankommt. Nicht von oben, nicht von der Seite — aus dem Wasser. Als käme er von innen.

Die Forstleute aus Bayerisch Eisenstein kennen das. Sie nennen es den Ausatem des Sees und denken nicht weiter darüber nach.

Mélusine denkt weiter darüber nach.

Sie kennt den Unterschied zwischen Böhmwind und dem, der von innen kommt. Sie weiß, was es ist: die Erinnerung an Bewegung, die das Wasser aufbewahrt hat. Die Form des Fahrenden, abgedrückt in der Oberfläche wie ein Siegel im Wachs.

Kein Echo. Der Arbersee hat kein Echo.

Aber er hat Gedächtnis.

Das ist etwas anderes. Das ist mehr.